Langsamer Walzer

Flyer GesellschaftstänzeUm die Jahrhundertwende 1900 wurde in Europa ein 1870 in Boston/USA entstandener Modetanz eingeführt, der Boston. Dieser Tanz löste den damaligen König der Tänze, den Wiener Walzer, in der Beliebtheit ab. Der Wiener Walzer war vom Figurenmaterial her gesehen schon immer eingeschränkt (bis Ende des 19. Jahrhunderts nur Rechtsdrehungen, dann erst Linksdrehungen und übergangsschritte). Dies änderte sich mit dem Boston: Ebenfalls im 3/4-Takt gespielt, gewährte er den Tanzpaaren grösstmögliche Freiheit. Zwar existierten Grundschritte (3 Schritte vorwärts, 3 zurück, Drehungen, aussenseitliche Positionen, Zögerschritte), doch wurde der Fantasie in der Ausführung freien Lauf gelassen, was dem Drang der Jugend entsprach. Die Jugend von damals konnte sich mit den herkömmlichen Tänzen Wiener Walzer, Polka, Quadrille, Twostep etc. nicht mehr identifizieren und suchte im Boston ein neues Lebensgefühl durch Vorwärtsbewegung und freier Figurenverbindung zu finden.

Selbstverständlich setzte sich dieser neue Tanz nicht so ohne weiteres durch; Zitate: "Der Boston Américain ist eine Art eingeschlafener Walzer", "Die guten Walzertänzer nennen den Boston den Walzer der Dummen", "Der Tänzer presste beide Hände auf den Rücken der Dame dicht unter den Schulterblättern. Sie legte ihre Finger an die beiden Seiten seines hohen Stehkragens. Dann glitt das Paar auf dem Parkettboden dahin und beugte die Knie von Zeit zu Zeit so tief, dass sie beinahe den Erdboden berührten. Dabei fiel langsam der Kopf der Tänzerin auf die Brust des Tänzers".

Fälschlicherweise liest man immer wieder, dass der langsame Walzer aus eben diesem Boston entstanden sei. Es stimmt zwar, dass einige Figuren übernommen wurden (z.B. Outside Change), die Grundfiguren wie Rechts-und Linksdrehungen und Übergangsschritte stammen jedoch ursprünglich vom Wiener Walzer ab. Der Boston und der langsame Walzer sind sozusagen unabhängig voneinander aus derselben Wurzel (dem Wiener Walzer) entstanden.

Bis 1927 kreuzte man im langsamen Walzer bei den Linksdrehungen wie auch im Wiener Walzer den linken Fuss vor dem rechten Fuss, da man den langsamen Walzer noch nicht diagonal zur Wand begann. 1935 ergänzte Victor Silvester, einer der bekanntesten englischen Tanzlehrer der Anfangszeit, die bereits erwähnten Grundfiguren mit den noch heute beliebten Natural Spin Turn, Double Reverse Spin, Outside Spin, Impetus, Telemark u.a.

Mit freundlicher Genehmigung von Michael Scherer, www.emsbs.ch

 

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